Juli 2011 - Prof. Eva-Maria Krech

Viele Sprecher haben während ihrer Ausbildung die Ausspracheregeln nach Theodor Siebs gelernt. Doch diese seien seit Ende der 60er nicht mehr überarbeitet worden und deshalb veraltet, sagen vier Wissenschaftler aus Halle. Eva-Maria Krech, Ebehard Stock, Ursula Hirschfeld und Lutz Christian Anders haben sich deshalb daran gemacht, die Deutsche Aussprache neu zu regeln. Das Ergebnis heißt "Deutsches Aussprachewörterbuch" und ist seit 2009 auf dem Markt. sprecher.info hat mit Prof. Eva-Maria Krech, Bilanz gezogen und über die wesentlichen Änderungen gesprochen.
Wie gut ist das Buch bisher angenommen worden?
Das Buch wurde allgemein sehr positiv aufgenommen, wenngleich bisher nur wenige ausführliche Rezensionen vorliegen. Von der ersten Ausgabe, die Ende 2009 als Hardcover erschienen ist, konnten bislang über 500 Exemplare verkauft werden. Die wesentlich preiswertere broschierte Ausgabe, sie kostet 39,95 Euro, kam im Herbst 2010 heraus. Hiervon wurden bisher mehr als 600 Exemplare verkauft.
Wie lange haben Sie mit Ihren Kollegen und KollegInnen an dem Buch gearbeitet?
Ausgangspunkt für die Erarbeitung des DAWB bildete ein gemeinsames Forschungsprojekt des Institutes für Phonetik der Universität Köln und des Institutes für Sprechwissenschaft und Phonetik der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Das Projekt wurde von 1991 bis 1995 von der Volkswagen-Stiftung gefördert. Seit Mitte der 1990er-Jahre wurde die Arbeit am Wörterbuch sodann vor allem vom halleschen Institut getragen. Die intensive Arbeit am DAWB begann somit 1990/91. Das Projekt steht jedoch in der Tradition der halleschen Forschung zur Standardaussprache, die bereits in den 1950er-Jahren von Hans Krech begründet worden war. In ihrem Ergebnis entstand das mehrfach erwähnte "Wörterbuch der deutschen Aussprache" (WDA), das zuletzt als "Großes Wörterbuch der deutschen Aussprache" (GWDA) 1982 in neuer Erstauflage er-schienen ist. Der Bezug auf diese Tradition erweist sich vor allem im Anknüpfen an konzeptionelle Positionen, Zielstellungen und Untersuchungen. Für die Erarbeitung des DAWB war es jedoch notwendig, den heutigen Forschungsstand, moderne Untersuchungsmethoden und -möglichkeiten sowie die Anforderung der Gegenwart an eine Ausspracheregelung zu berücksichtigen und damit die konzeptionellen Grundlagen wie auch die Untersuchungen zu erweitern. An der Bearbeitung der umfangreichen neu zu bewältigenden Aufgaben wirkten ständig vier Hauptautoren. Dazu kamen drei Autoren, die für Österreich und die Schweiz verantwortlich waren, 17 Autoren die die Beiträge zur Eindeutschung von Namen und Wörtern aus fremden Sprachen verfassten und sehr viele, teilweise zeitlich begrenzt mitarbeitende Fachkollegen und Studierende, die zum Beispiel bei den soziophonetischen Befragungen mitwirkten, die eigene phonetische Analysen des Sprechgebrauchs vorlegten, die bei der Zusammenstellung des Wortschatzes, bei den Transkriptionen, bei der Herstellung der Grafiken und der Audio-CD sowie nicht zuletzt bei den Korrekturen geholfen haben.
Also eine Menge Arbeit - warum haben Sie das "Deutsches Aussprachewörterbuch" überhaupt geschrieben?
Das "Deutsche Aussprachewörterbuch" ist ein Gemeinschaftswerk. Seine Erarbeitung war notwendig, da es gegenwärtig kein anderes aktuelles Nachschlagewerk gibt, das auf neuen, umfangreichen Untersuchungen des tatsächlichen Sprechgebrauchs und der Erwartungen vom Sprechgebrauch beruht. Solche empirischen Untersuchungen sind erforderlich, um die Realitätsnähe von Ausspracheregeln und damit ihre Akzeptanz durch die Gesellschaft zu sichern. Auf diese Akzeptanz sind Ausspracheregelungen grundsätzlich angewiesen; denn sie besitzen keine allgemeine strenge Verbindlichkeit, wie zum Beispiel Regelungen zur Orthografie oder zur Grammatik.
Warum war, beziehungsweise ist es denn nötig, die deutsche Standardaussprache neu zu regeln?
Ich möchte das unter zwei Aspekten verdeutlichen. Erstens: Eine Neuregelung ist grundsätzlich immer dann erforderlich, wenn sich zum Beispiel die Verbreitung der Standard(aus)sprache entwickelt, beziehungsweise wenn sich auf Grund gewandelter kommunikativer Bedingungen der Bedarf der Gesellschaft an entsprechenden Regelungen geändert hat. Hierfür zwei Beispiele, zunächst ein historisches: Theodor Siebs hatte – gegen Ausgang des 19. Jahrhunderts durchaus berechtigt – in Aussprachefragen bekanntlich das Theater als "Lehrmeisterin Deutschlands" gesehen. Die überdeutliche Sprechweise auf der Bühne im klassischen deutschen Versdrama wählte er so als Normierungsgrundlage für seine Regelung der Bühnenaussprache. Im 20. Jahrhundert verbreitete sich die gesprochene Hochsprache jedoch in ungleich größerem Ausmaß, und vor allem ohne die Besonderheiten einer Bühnenaussprache, durch Funk und Fernsehen. So musste es darum gehen, eine völlig neue Ausspracheregelung zu schaffen, die auf dieser neuen Normierungsgrundlage beruhte. Sie wurde zunächst vorgelegt mit dem "Wörterbuch der deutschen Aussprache" (WDA), das an der Universität Halle erarbeitet worden war und 1964 erstmals erschienen ist. Und hier ein aktuelles Beispiel, das bei der Erarbeitung des DAWB eine Rolle spielte: Das Deutsche wird seit Mitte der 1980er-Jahre den sogenannten plurizentrischen Sprachen zugeordnet, das heißt es verfügt über mehrere nationale Realisationen der Standard(aus)sprache – Standardvarietäten genannt. Diese konnten sich in Staaten entwickeln, in denen das Deutsche den Rang einer nationalen Amtssprache besitzt und in denen sich zugleich eigene Zentren der deutschen Sprache ausgebildet hatten. Das trifft, außer für Deutschland, bisher auf Österreich und auf die deutschsprachige Schweiz zu. Diese Entwicklung wurde berücksichtigt und die österreichische und die schweizerische Standardvarietät des Deutschen im DAWB detailliert, neben der deutschen, dargestellt. Damit wurde der Geltungsbereich der Regelung entsprechend dem Bedarf erweitert und differenziert. Allein diese veränderten Gegebenheiten machten eine Neukodifizierung der Standardaussprache notwendig.
Zweitens: Eine Neuregelung im Detail ist des Weiteren zum Beispiel immer dann nötig, wenn Ausspracheveränderungen in größerem Umfang – abweichend von einer vorliegenden Kodifikation – beobachtbar sind bzw. wenn ihr Gebrauch von der Gesellschaft neu bewertet wird, also wenn er stärker oder weniger stark akzeptiert wird. Solche Entwicklungen erfordern zunächst neue empirische Untersuchungen. Im Zusammen-hang mit der Erarbeitung des DAWB erstreckten sich zum Beispiel die phonetischen Analysen auf ausgewählte Merkmale, deren Realisation strittig war. Hierzu gehörten unter anderem der r-Laut, das unbetonte E in den Endsilben <-en, -em, -el,> die Diphthonge, die Qualität des a-Lautes, die Vokale in unbetonten offenen Silben eingedeutschter Fremdwörter und anderes mehr. Ihre Realisation in zusammenhängend gesprochenen, realen Äußerungen wurde in unterschiedlichen Anwendungsbereichen der Standardaussprache überprüft.
Nicht zuletzt die systematische Berücksichtigung des Anwendungsbereiches machte eine Neuregelung nötig. Denn: Die Standardaussprache ist bekanntlich zwar dialektneutral und verfügt über keine regional gefärbten umgangssprachlichen Formen, dennoch stellt sie kein unveränderliches, einheitliches Gebilde dar. Da sie ein breites Anwendungsspektrum besitzt, das von der feierlichen Rede im Großraum bis zum privaten Gespräch reichen kann, weist sie vielmehr situationsabhängige Varianten auf, so genannte phonostilistische Differenzierungen. Das sind zum Beispiel unterschiedliche Grade der Artikulationspräzision, also unterschiedliche Grade beziehungsweise unterschiedliche Häufigkeiten von Lautangleichungen und -reduktionen sowie von Lautschwund. Die Untersuchungen für die Neuregelung im DAWB erstreckten sich auf zwei ausgewählte, öffentliche medienvermittelte und kontrastierende Bereiche: "Nachrichten im konventionellen Stil" und "Talkshow". Es handelt sich dabei um eindeutig vorgelesene Sachtexte offizieller Art in Sendungen von Funk und Fernsehen, die eine überregionale Akzeptanz anstreben, sowie um ebenfalls öffentliche, aber frei gesprochene und nicht-offizielle Äußerungen in Gesprächen, bei denen durch eine lockere Sprechhaltung im Vergleich zu den Nachrichtensprechern eine große Variabilität in den rhythmischen Abläufen, zum Beispiel Sprech-tempo, Pausengestaltung, Intonation, vorhanden ist, die ihrerseits die Präzision der Aussprache beeinflusst. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen machten es möglich, situations-bedingte Differenzierungen der Standardaussprache zu belegen und in das Wörterbuch aufzunehmen. Ein Beispiel sei genannt: So fällt das unbetonte E in der Endsilbe <-en> nach Nasal, wie bei <nehmen>, <lohnen>, in Geprächssituationen in 76 Prozent der Fälle aus, bei den Nachrichtensprechern bleibt es jedoch in rd. 80 Prozent der Fälle erhalten. Würde man solche Unterschiede ignorieren, wäre dies realitätsfremd und für Sprecher und Hörer nicht akzeptabel. Informationen über die stilistischen Differenzierungen der Standardaussprache sichern damit den Realitätsbezug der Kodifizierung. Sie sind folglich für die Neuregelung zu nutzen. Mehr noch: Sie erforderten eine Neuregelung.
Können Sie Beispiele nennen? Und woran haben Sie die Änderungen festgemacht?
In allen den Fällen, in denen sich der Sprechgebrauch stark von früheren Untersuchungsergebnissen, wie sie im WDA verarbeitet worden waren, unterscheidet, waren diese Veränderungen auch für die Neuregelung zu berücksichtigen. Dazu wurden die durch neue Untersuchungen gewonnenen Daten durch Experten bewertet und gegebenenfalls in vereinfachender, verallgemeinernder Form in Regeln gefasst. Hierzu folgende Beispiele:
Die frühere Regelung Beibehaltung des unbetonten E in der Endung <-el> nach <g>, z. B. <Hegel> wird aufgrund neuer Untersuchungen aufgehoben. Auch in dieser Position kann das E in der Standardaussprache entfallen.
Die frühere Regelung, die Aussprache des E in der Endung <-en> nach Vokal, Nasal, <l, r, j> beizubehalten, war für <l> im DAWB zu korrigieren. Neue Untersuchungen hatten ergeben, dass das Endsilben-E nach <l> in Gesprächssituationen zu 97 Prozent ausfällt, aber auch beim Vorlesen von Nachrichten in 76,5 Prozent fehlt. Es wäre realitätsfremd gewesen, bei solchen Ergebnissen die Realisation des e-Lautes in dieser Position zu empfehlen.
Die frühere Empfehlung, nach Kurzvokal sowie nach langem a-Laut (Wort, Berg; Jahr) Reibe-, Zäpfchen- oder Zungenspitzen-R zu sprechen, ließ sich aufgrund neuer Untersuchungen nicht mehr aufrecht erhalten. Empfohlen wird jetzt die Realisation durch ein stark reduziertes Reibe-R.
Was würden Sie sagen, sind die am häufigsten gemachten Aussprachefehler in Deutschland?
Um Aussprachefehler handelt es sich zum Beispiel dann, wenn die Sprechweise in starkem Widerspruch zum Anwendungsbereich, der stilistischen Ebene, der Situation steht. So ein Fall kann vorliegen, wenn ein Schauspieler oder Rezitator beim Vortrag versgebundener Dichtungen die Artikulationsspannung so weit vermindert, dass durch Lautreduktionen und Assimilationen, wie sie für eine lockere Sprechhaltung in Gesprächssituationen angemessen sein können, die Realisation der Sprechsilben oft nicht mehr gewährleistet ist. Solche Verstöße, durch die der Vers gleichsam in Prosa umgewandelt wird, sind im Theater leider relativ häufig zu beobachten. Umgekehrt ist auch nicht zu empfehlen, dass ein Sprecher beim Vorlesen von Nachrichtentexten eine überdeutliche und übergenaue Artikulationspräzision realisiert. Dazu gehört zum Beispiel, wenn beim Zusammentreffen von gleichen Konsonanten nach Vorsilben oder an Wortgrenzen jeder Laut gesondert artikuliert wird. Es ist jedoch in diesen Fällen nur ein Konsonant zu sprechen, das heißt es gibt nur eine Enge- oder Verschlussbildung und nur eine Enge- oder Verschlusslösung, so z. B. in <auffinden>, <Betttuch>, <Musikkultur>. Gelegentlich wird diese Regelung beim Vorlesen von Nachrichtentexten jedoch nicht beachtet und die Artikulation der betreffenden Laute doppelt ausgeführt. Das kommt zum Beispiel vor bei <west-deutsch> oder <nord-deutsch>. Eine große Herausforderung, auch für professionelle Sprecher, stellen oftmals fremde Namen und Wörter dar. Sie sind im Wörterverzeichnis des DAWB zwar in großer Zahl enthalten, aber natürlich kann nicht jedes Wort erfasst werden. Anhand von 19 verschiedenen Sprachen werden jedoch Grundregeln der Eindeutschung behandelt. Diese sind auch als Orientierungen nutzbar, wenn es um die Eindeutschung von bislang weniger gebrauchten Namen und Wörtern geht. Ein einfaches Beispiel sei genannt: Aus Gründen der Aktualität ist gegenwärtig häufig vom "Jemen" zu hören. Der erste e-Laut ist, entsprechend der Regelung für das Deutsche, lang zu sprechen, denn er ist akzentuiert und steht in offener Silbe, das heißt die Silbe endet auf diesen Vokal. Die Aussprache mit kurzem und ungespanntem E, wie sie gelegentlich zu hören ist, hat keine Berechtigung. Die Standardaussprache und vor allem die Bewertung ihres situationsbezogenen Gebrauchs unterliegen aus unterschiedlichen Gründen Veränderungen. Ausspracheregelungen, die sich auf den realen Sprechgebrauch beziehen wollen, bedürfen so immer wieder, auf der Basis von neuem Wissen und neuen Untersuchungen, einer Aktualisierung. Nur so können ihre Empfehlungen akzeptabel sein und als Orientierung oder Korrektiv für eine situations-angemessene Verwendung dienen. Nur so können sie schließlich kommunikationsfördernde und auch sprachkulturelle Aufgaben wahrnehmen.
Könnten Sie beispielhaft für folgende Begriffe die korrekte Aussprache beschreiben: Einzigartig - Accessoires - Statistik?
(1) Einzigartig: (deutsches Wort)
Das Wort beginnt mit einem akzentuierten Vokal (Diphthong), der Vokal wird fest eingesetzt. Das Transkriptionszeichen für diesen Glottisschlageinsatz wird im DAWB am absoluten Wortanfang vor Vokal nicht gesetzt, der Gebrauch des Glottisschlageinsatzes ist in dieser Position die Regel. Der Diphthong <ei> ist eine einsilbige Verbindung zwischen kurzem /a/ + kurzem ungespannten /e/ (wie in Bett). Die Aussprache gilt auch für die Schreibung <ai, ay, ey> sowie unter anderem zum Beispiel in Wörtern aus dem Englischen für <i , y> (Pipeline, Flyer). Die Bildung des Diphthongs ist durch einen kontinuierlichen Übergang vom ersten zum zweiten Vokal gekennzeichnet, wobei die Intensität abnimmt. In der Transkription wird im DAWB der zweite Vokal als unsilbisch gekennzeichnet. Die Transkription des Diphthongs als eine Verbindung von kurzem /a/ + kurzem gespannten /i/ , wie sie das Duden-Aussprachewörterbuch bringt, ließ sich durch die Untersuchungen der Sprechrealität nicht bestätigen. Der Buchstabe <z> wird als /t/ + /s/ gesprochen. /t/ wird in dieser Lautverbindung nicht behaucht. Der Verschluss des /t/ wird nicht separat gelöst, sondern geht ohne Explosion in den folgenden Reibelaut über. Die Buchstabenverbindung <ig> wird im Silbenauslaut als kurzes ungespannntes /i/ + ich-Laut gesprochen. Das <g> wird damit nicht als Verschluss-, sondern als Reibelaut realisiert. Es gibt von dieser Regel zwei Ausnahmen: 1. Tritt das <g> in abgeleiteten Formen an den Silbenanfang, dann wird es als Verschlusslaut gesprochen: einzigartige. 2. Folgt der Endung <-ig> eine Silbe mit <-lich> oder auslautendem Ich-Laut, dann wird das <g> als Verschlusslaut realisiert, zum Beispiel als Reibelaut in ewig, König; als Verschlusslaut in ewiglich, königlich, Königreich. Die a-Laute unterscheiden sich nur hinsichtlich der Quantität (Länge/Kürze), nicht der Quali-tät (gespannt/ungespannt). Die Quantität des a-Lautes ist abhängig von der Silbenstruktur (offen/geschlossen), von der Akzentuierung, von der Schreibung (a, ah, aa), von weiteren Merkmalen der phonetischen Umgebung und vom Zusammenspiel aller Komponenten. In <einzigartig> steht der a-Laut in einer geschlossenen Silbe und müsste daher eigentlich kurz gesprochen werden. Der Sprechgebrauch zeigt jedoch, dass die Quantität des a-Lautes vor den Buchstabenverbindungen <ch, rsch, rt, rz, tsch> unterschiedlich ist. So wird der a-Laut vor <rt> kurz gesprochen in <hart, Start>, aber lang in <Art, Bart, zart>. Auch im Beispielwort handelt es sich um einen langen a-Laut. Er wird silbenanlautend mit Glottisplosiv eingesetzt. Zum folgenden r-Laut: Nach unseren Untersuchungsergebnissen wird nach langem a-Laut ein nachfolgender r-Laut in mehr als 80 Prozent der Fälle elidiert. Dennoch empfiehlt das DAWB hier nicht einfach eine Nichtrealisation des r-Lautes, denn typische Klangverfärbungen des langen a-Lautes, die zustande kommen, wenn eine r-Realisation prinzipiell intendiert wird, bewirken einen gewissen r-Eindruck. Dieser ermöglicht, zum Beispiel Jahr von ja zu unterscheiden. In der Transkription wird im DAWB daher nach dem langen a-Laut ein umgekehrtes, hochgestelltes, kleines r-Zeichen für ein stark reduziertes Reibe-R angegeben. <t> wird in unbetonter Position meist nicht behaucht gesprochen.
(2) Accessoires: (jüngere Entlehnung aus dem Französischen)
Die ursprüngliche, das heißt die im Französischen übliche Wortakzentuierung wird bei der Eindeutschung beibehalten. Das bedeutet, der Wortakzent liegt auf der letzten Silbe. Der a-Laut ist kurz in geschlossener Silbe wie im Deutschen. <c> wird im Französischen in der Regel wie /k/ gesprochen. Dies wird im Deutschen beibehalten. Aber: <c> vor <e, i, y> wird im Französischen wie /s/ gesprochen. Dies wird im Deutschen ebenfalls beibehalten. Es ergibt sich damit die Aussprache: kurzer a-Laut + /k/ + /s/. Der folgende e-Laut ist kurz und ungespannt in geschlossener Silbe, sowie vor doppelt geschriebenem Konsonanten zu sprechen, wie im Deutschen. Der doppelt geschriebene s-Laut ist, wie im Deutschen, (zum Beispiel: wissen) als ein stimmloser s-Laut zu sprechen. Er gehört der vorangehenden und der folgenden Silbe zu, das heißt die Silbengrenze liegt in ihm. Die Buchstabenverbindung <oi> wird im Frz. als /w/ + /a/ gesprochen. Bei der Eindeutschung wird diese Aussprache jedoch nicht übernommen, sondern dafür ein unsilbischer, ungespannter o-Laut + /a/ gesprochen. Der a-Laut trägt den Wortakzent und ist in dieser Position sowie vor <r> im Frz. lang zu sprechen. Dies wird auch bei der Eindeutschung bei-behalten. Das im Französischen übliche Reibe-R entspricht im Prinzip der Aussprache des Lautes im Deutschen. Da jedoch der r-Laut nach langem a-Laut im Deutschen sehr stark reduziert wird, wird er bei der Eindeutschung durch ein umgekehrtes, hochgestelltes, kleines Zeichen für Reibe-R wiedergegeben. Der Buchstabe <e> wird in dieser Position im Frz. und Dt. nicht gesprochen. Der auslautende s-Laut ist stimmlos und gehört zur Akzentsilbe.
(3) Statistik (ältere Entlehnung)
Ältere Entlehnungen, die insbesondere aus dem Lateinischen und Griechischen ins Deutsche übernommen wurden, sind in der Regel stärker an das Deutsche angepasst als die so genannte jüngeren Entlehnungen. Es gibt sogar ältere Entlehnungern, denen man ihre fremde Herkunft heute überhaupt nicht mehr ansieht, zum Beispiel <Brief, Schule, Straße> und die wie deutsche Wörter gebraucht werden. Andere ältere Entlehungen haben dagegen den Charakter des Fremden, zum Beispiel durch eine ungewöhnliche Wortstruktur, beibehalten; sie werden partiell mit fremden Lauten oder fremder Akzentuierung verwendet. Zu dieser letzten Gruppe gehört das vorliegende Beispiel. <s> + <t> im Wortanlaut werden wie in deutschen Wörtern als <sch> + <t> gesprochen. Das /t/ ist, ebenfalls wie in deutschen Wörtern, vor unbetontem Vokal nicht behaucht. In einigen Fällen ist im Wortanlaut eingedeutschter Wörter neben dieser Aussprache aber auch eine Realisation als /s/ + /t/ gebräuchlich, zum Beispiel bei Stagnation, Stereo, Sternum. Der a-Laut steht in unbetonter offener Silbe eines eingedeutschten Fremdwortes. In dieser Position werden alle Vokale kurz und gespannt gesprochen. Da die a-Laute jedoch nur hinsichtlich der Quantität differieren, wird hier lediglich ein kurzer a-Laut realisiert. /t/ steht vor betontem Vokal und wird daher, wie in deutschen Wörtern, je nach der gesamten Sprechspannung mehr oder weniger stark behaucht. Im DAWB wird das Zeichen für Behauchung in der Transkription jedoch nicht angegeben. Auch die Aussprache der folgenden Laute entspricht derjenigen, wie sie in deutschen Wörtern üblich ist: Das betonte /i/ steht in geschlossener Silbe (vor stimmlosem /s/) und wird somit als kurzer ungespannter Vokal realisiert. Das trifft auch auf das unbetonte /i/ in der letzten Silbe, die mit /k/ schließt, zu. In Ableitungen wie zum Beispiel <Statistiker> tritt das /k/ zur folgenden Silbe, und der unbetonte i-Laut steht nunmehr in offener Silbe. In dieser Position (Vokal in eingedeutschten fremden Wörtern in unbetonter offener Silbe) ist der i-Laut gespannt und kurz zu sprechen. Die beiden Verschlusslaute /t/ und /k/ zu Beginn und am Ende der letzten (unbetonten) Silbe sind in der Regel nicht oder nur schwach behaucht. Die Tendenz zur Behauchung ist bei /k/ im Allgemeinen etwas stärker ausgeprägt als bei /t/.
Wie unterscheidet sich Ihr Aussprachewörterbuch eigentlich von dem des Duden?
Ein wichtiger Unterschied zwischen dem "Duden Aussprachewörterbuch" und dem DAWB besteht darin, dass die Regelung im Duden nicht auf eigenen empirischen Untersuchungen des Sprechgebrauchs basiert. Als Beispiel sei genannt, dass der Duden zwar den Ausfall des unbetonten e-Lautes in der Endung <-en> nach Verschlusslauten in das Wörterverzeichnis auf-nimmt, nicht aber die damit verbundenen Lautangleichungen. Also müsse zum Beispiel in <Leben> bei Ausfall des Endsilben-E /b/ + (silbisches) /n/ gesprochen werden und nicht, wie es die Untersuchungsergebnisse zum DAWB ausweisen, /b/ + (silbisches) /m/. Der Nasal /n/ wird nach dem bilabialen Verschlusslaut /b/ zum bilabialen Nasal /m/. Die im Duden angegebene Form kommt in der Sprechrealität überhaupt nicht vor. Selbstverständlich gibt es neben der reduzierten Form auch die volle Form, in der das End-silben-E nicht ausfällt. Sie findet sich vor allem in Situationen, die eine sehr hohe Artikulationspräzision erfordern, so unter Umständen beim langsamen Sprechen in feierlichen Vorträgen vor einem großen Hörerkreis, oder wenn die literarische Vorlage einen sehr hohen Spannungsgrad erfordert. Darüber hinaus unterscheidet sich das DAWB, neben einer beträchtlichen Vergrößerung und Aktualisierung des Wortschatzes und neben zahlreichen Veränderungen in der Transkription, zum Beispiel in folgenden Punkten vom Duden-Aussprachewörterbuch: Das DAWB beruht nicht nur auf erneuten phonetischen Untersuchungen des Sprechgebrauchs, sondern auch auf soziophonetischen Befragungen zu den Erwartungen der Hörenden an den Sprechgebrauch. Es übermittelt umfangreiche theoretische Grundlagen, in denen zum Beispiel die phonologische Fundierung der Regelung dargelegt wird. Es enthält auf der Basis systematischer Untersuchungen ausführliche Hinweise zum Gebrauch der Standardaussprache unter unterschiedlichen situativen Bedingungen. Es kann Angaben zu frei gesprochenen Äußerungen machen, da die Aussprache nicht nur beim Vorlesen, sondern auch in öffentlichen Gesprächssituationen untersucht wurde. Das DAWB berücksichtigt die Entwicklung der deutschen Sprache zu einer plurizentrischen und bringt ausführliche Kapitel zur Standardaussprache in Österreich und in der deutsch-sprachigen Schweiz. Es enthält eine Darstellung der Gesangsaussprache. Es erweitert die Ausführungen und Grundlagen zur Eindeutschung von Namen und Wörtern aus anderen Sprachen. Es enthält im Wörterverzeichnis zahlreiche Infokästen zu den Ausspracheregeln und es übermittelt zusätzlich Hörbeispiele zu den im Einführungs- beziehungsweise Regelteil genannten Wortbeispielen.
Auch in Bezug auf Einzelfragen seien zwei Beispiele genannt: Das DAWB behandelt ausführlich und konsequent den Verlust der Stimmhaftigkeit bei Verschluss- und Engelauten nach vorangehendem stimmlosen Laut (<aufdrehen>, <Höchstwert>), und berücksichtigt diese so genannte progressive Stimmlosigkeitsassimilation auch im Wörterverzeichnis, denn sie ist für die Standardaussprache charakteristisch und bleibt weitgehend auch bei der Eindeutschung fremder Wörter und Namen wirksam – im Duden-Aussprachewörterbuch wird sie im Wörterverzeichnis nicht angegeben. Und das DAWB kennzeichnet auch im Wörterverzeichnis die verschiedenen konsonantischen und vokalischen r-Laute, wie sie die Untersuchungsergebnisse erbracht haben, der Aussprache-Duden verzichtet im Wörterverzeichnis auf diese Differenzierung.
Viele haben aber trotzdem das Aussprachewörterbuch des Duden im Schrank und Sprecher auch oft im Studio dabei. Was machen Sie, damit sich das DAWB und sprechtechnischen Veränderungen auch etablieren?
Eine umfangreiche weltweite Werbung wird in erster Linie durch den Verlag DE GRUYTER geleistet. Dabei haben wir, die Autoren, den Verlag unterstützt durch Hinweise auf Fachzeitschriften, Institutionen, Gesellschaften und Personen, die ein besonderes praktisches und/oder wissenschaftliches Interesse an der Neukodifizierung der deutschen Standardaussprache haben dürften. Darüber hinaus informieren wir in zahllosen Veröffentlichungen, Vorträgen und Diskussionen im In- und Ausland über das DAWB. Es war auch Gegenstand verschiedener internationaler Fachtagungen. Auf diese Weise gab es Gelegenheit, Interessenten aus Wissenschaft und Praxis, aus pädagogischen, phonetischen, künstlerischen, rhetorischen und sprechtherapeutischen Arbeitsbereichen über das Wörterbuch in Kenntnis zu setzen und Anregungen für die weitere Arbeit zu erhalten. Zugleich dürften die vielen deutschen und ausländischen Studierenden, die seit Erscheinen des Buches mit dieser Regelung arbeiten, als Multiplikatoren wirken. Dennoch ist die Etablierung dieser Neukodifikation ein Prozess, der jegliche weitere Unterstützung braucht. In diesem Sinne bin ich außerordentlich dankbar, an dieser Stelle einiges speziell für Berufssprecher sagen und für die Nutzung des Buches werben zu können.